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Beziehung in der neuen Zeit - 10 - Schubladen

Wir alle kennen den Begriff: Schubladendenken.

Wir kennen ihn so gut, dass wir sogar darüber lachen können, weil wir glauben, es ginge uns nichts an.

Schliesslich kennen wir uns ja und wissen, dass wir über diesen Dingen stehen.

Wir sind z.B. entsetzt über das Kastendenken in Indien! Aber regen uns auf, wenn unsere Stadt ein Flüchtlingsheim baut oder lachen über den naiven Glauben von Sektenabhängigen.

Dazu fällt mir spontan auch ein Zitat von Jesus ein: „Was siehst du den Splitter in den Augen deines Nächsten, aber deinen eigenen Balken nicht?!“

 

Irgendwie kommt es mir manchmal so vor, wie ein Eigentor, wenn ich mich in die Mitte des Fussballplatzes zerre, wo mich alle sehen können, wenn ich über meine konkreten Erfahrungen rede. Aber wen sonst sollte ich nehmen? Ich habe nur mich als Menschen, während ich das Leben erfahre. Und nur ich als Mensch kann berichten, wie sich mein Leben darstellt und wie sich die Situationen anfühlen, über die ich berichte. (Mir fällt gerade ein: Soetwas ähnliches schrieb ich als 16jährige einmal, als Leserbrief an eine Zeitung. Das wurde dann „höflich“ abgelehnt. 16 jährige und schreiben? Kam in deren Schublade anscheinend nicht vor.)

 

Auch wenn ich oft die Gefühle anderer wahrnehmen kann, ist es fairer bei mir zu bleiben und ähnliche Beispiele aus meinem Leben herauszuholen. Ich kann ja auch im anderen nur wahrnehmen, was in mir resoniert, also was ich selbst auch kenne.

Zum Glück kann ich gut damit leben, zu wissen, dass ich noch nicht fertig bin.

Zu glauben, man sei fertig, hat viel mit den Schubladen zu tun über die ich jetzt schreiben möchte.

 

Schauen wir uns das Leben einmal an. Ich stelle mir dafür einen Baum vor in dessen Stamm jede Menge Schubladen eingelassen sind. Wir wissen ja, dass wir manchmal Schubladen verlassen.

Das ist z.B. die Entwicklung von der Schublade „Kind“, in die Schublade „Erwachsener“.

Einige verlassen die Schublade „Kind“ nicht gerne. Und doch nehmen sie eine Rolle an, die sie durch das Leben trägt. Dann gehen sie vielleicht in die Schublade „Maurer“ - wenn sie Maurer gelernt haben. Oder in die Schublade „Lehrer“ wenn sie sich das erarbeitet haben.

 

Jeder etwas ältere Mensch kennt sicher das Gefühl, des noch nicht fertig Seins. Diese Unrast in einem, da müsste es ja noch mehr geben. Oder die Frage die damit einhergeht: Das kann ja noch nicht alles gewesen sein? Dahinter steckt die Angst vorm Tod. Aber auch die Angst vor dem Leben.

Parallel dahinter erschlägt einem fast die Wucht der Vielfalt: Wie kann ich wissen, was mich am glücklichsten und zufriedensten macht, wenn ich keine Zeit habe, das alles auszuprobieren, was die Welt dazu anbietet?

 

So ging es mir eine Zeitlang. Meine Fragen sind/ waren: Welches ist eigentlich die richtige Religion? Oder ganz aktuell die Frage: Welches ist der richtige Beruf für mich? Sollte ich nochmal studieren? Eine andere Ausbildung vielleicht? Oh Gott! Aber wer verdient dann das Geld für den Lebensunterhalt für mich und meinen Sohn?

Dahinter steckt auch die Angst vor dem Tod bzw. vor dem Leben. Hier nur getarnt als Angst, nicht die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

 

Was ich damit sagen will: Wir fühlen uns also genötigt, soviele Schubladen wie möglich auszuprobieren. Je größer diese Schublade ist, desto freier fühle ich mich.

In Bezug auf Gott und Religion hieß meine Schublade daher in letzter Zeit: „Es gibt nur einen Gott! Und der zeigt sich in allem was ist.“ Diese große Toleranz, fühlte sich gut an, weil sie ja keine Religion ausschloss.

 

Aber trotzdem schloss sie etwas aus: Nämlich den Blick darüber hinaus. Denn egal wie die Schublade auch heißt oder wie groß sie ist, sobald sie geschlossen ist – ist es dunkel und der Blick nach oben ist versperrt. Mein Baum hat inzwischen ganz viele offene Schubladen. Sie sind wie eine Treppe angeordnet.

 

Ich verstehe mich sehr gut in meinem Bedürfnis endlich mal in einer Schublade ausruhen zu wollen. Sie zu zumachen und gut ist. Glücklich sein mit dem was man hat und fertig.

 

Aber glücklich sein ohne mit dem Leben mitzufliessen geht nicht. Deshalb schreibe ich auch. Denn darin fühle ich mich lebendig und im Fluss mit dem Leben.

Es ist jedesmal ein gutes Gefühl sich diesem Fluss hingegeben zu haben. Währenddessen und auch danach. Es macht die Erfahrung der Vergangenheit zu etwas Glücklichem, weil das JETZT ja auch schon glücklich ist. Und nimmt dadurch auch gleichfalls die Angst vor der Zukunft. Weil ich tue ja nur, was jetzt gerade ansteht. Schritt für Schritt. Ich muss nicht die ganze Zukunft jetzt wissen oder können. Sondern wachse mit Freude da hinein.

 

Schubladen sind daher durchaus berechtigt und verständlich, wenn man sich die Ängste dieser Welt anschaut. Aber sie trennt uns auch immer von den anderen Schubladen, sobald sie geschlossen ist. Das hat mich auch an meiner Schublade „Lesbisch“ gestört.

 

Kaum saß ich darin, da war ich ja auch schon nicht mehr „Hetero“. Dabei war meine Zeit mit dem Vater meines Sohnes eine wunderbare Zeit! Und Echt! Und voller Liebe!

 

Ich hatte diese Schublade aber nicht ganz geschlossen. Für eine Weile fühlte sich das ja ganz kuschelig an, aber es engte mich dann zunehmend so ein, dass ich diese Schublade wieder verlassen musste, um lebendig zu bleiben. Um mit dem Leben mitfliessen zu können.

Das merkte ich an konkreten Kleinigkeiten: Daran, dass ich z.B. kein Lesben T-Shirt kaufen wollte, so wie die anderen aus der Clique. Auch der Stammtisch, fühlte sich nicht mehr gut an für mich. Die Menschen darin sind alle in Ordnung. Ja! Genauso wie die Menschen innerhalb der Kirche, die ich bislang traf!

Aber diese Schublade, also diese Rolle, also die Identifikation, die damit einhergeht, damit fühlte ich mich zunehmend unwohl.

Also sprang ich auch aus dieser Schublade. Momentan sitze ich auf einem Ast meines Lebensbaumes und kann die ganzen offenen Schubladen sehen. Und wenn ich nach oben gucke, auch den Himmel. Er ist so weit. Endlos. Darin ist alles enthalten was ist. Mir wird schwindelig von soviel Freiheit, deshalb sehe ich mich auch, wie ich dabei den Baumstamm umklammere.

 

Ich will jetzt nicht ausschliessen, dass ich immer noch in irgendwelchen Schublade sitze – aber da ich den Himmel sehen kann und die Lebendigkeit des Lebens fühle, stehen sie zumindest offen.

Wie immer halte ich euch auf dem Laufenden.

© Claudia Scherreiks

 

 

Dieser Text ist Teil eines Buches an dem ich gerade schreibe. Erfahrungen mit der Generalamnestie.

 

Das Handbuch von Nane Gisela Busse zur Generalamnestie „Generalamnestie – zurück in die Unschuld“ könnt ihr inzwischen überall im Handel kaufen.

 

Wenn mein Buch erscheint, setzte ich den Link auch hier rein. Und bis dahin, werde ich die ein oder andere Erfahrung mit der Generalamnestie noch hier auf meinem Blog mit euch teilen.

 

Wenn es dich anspricht, dann schau einfach ab und zu hier in meinem Blog rein oder befreundel dich mit mir bei Facebook. Denn dort teile ich dann immer alle neuen Texte und du erfährst dann automatisch, wenn es Neuigkeiten gibt.

Würd mich freuen.

 

 

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