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Beziehung in der neuen Zeit – 26 – psychische Gewalt

 

Wieder so ein Thema, dass ich sonst höchstens mit der Kneifzange angefasst hätte.

 

Und das aus gutem Grund: Das Hervorholen und Anschauen tut irre weh.

Jetzt ist es soweit durch, dass ich wieder atmen kann. Es zwickt nur manchmal noch ein klein wenig. Aber es löst sich auf. Und da ich das weiß, ist das auch nur so ein bisschen wie der letzte Blick zurück. Ein Abschiednehmen. In Dankbarkeit. Aber doch vor allem froh, das es jetzt vorbei ist.

Mir sind nun die Zusammenhänge klar.

Gewalt bestimmte lange mein Leben. Körperliche und psychische.

 

Das Gewalt keine Lösung ist, war mir zwar immer schon klar, aber es passierte mir immer wieder. Zuerst als Geschädigte, dann als Täterin. Es ist letztlich egal auf welcher Seite du stehst. Du bist sowieso immer beides.

Vor 15 Jahren etwa - mit einigem Bier intus - passierte es mir, dass ich das Geschrei meines Sohnes nicht ertragen konnte und ihm ins Gesicht schlug. 3 Tage lang waren mein Fingerabdrücke in seinem zarten, hübschen Gesicht zu sehen. Da entlud sich anscheinend - mit einem mal - die Gewalt die ich selbst jahrelang ertragen musste.

Ich erschrak dermaßen, dass ich 10 Jahre lang keinen Tropfen Alkohol mehr anrührte.

 

Aber das Thema schlummerte ja immer noch in mir. Ich hatte nur das Ventil etwas mehr unter Kontrolle.

Jetzt hatte ich wieder Gelegenheit da hin zu schauen. Diesmal etwas erwachsener, etwas reflektierter. Viel früher hätte ich diesen Schmerz wohl auch nicht transformieren können. Also alles zu seiner Zeit.

Psychische Gewalt nimmt viele Formen an und passt sich sehr intelligent und geschmeidig jedem Menschen an, um ihn da treffen zu können, wo es am meisten weh tut. Sonst macht Gewalt ja auch keinen Sinn.

 

Jetzt bitte nicht falsch verstehen! Gewalt macht natürlich nie Sinn. Was ich sagen will ist: Gewalt hat auch immer das Potenzial uns daraus zu befreien, wenn wir den hinschauen, weil sie uns nur aufwecken will, um uns in die richtige Spur zu bringen. Fernab von Abhängigkeiten und Schubladen. In eine liebevolle Spur.

 

Ich habe diesmal wieder hingeschaut, hineingefühlt. Aaargh!

Und die psychische Gewalt zeigte sich auf verschiedene Weisen.

 

 

  1. Psychische Gewalt durch Schweigen und Rückzug. Dann sagt man einfach nichts mehr. Ruft nicht an, auch wenn man den Impuls dazu hat. Man antwortet nicht, auch wenn man spürt, dass der andere darauf wartet.

  2. Psychische Gewalt durch Herabsetzung. Dahin würde ich auch Mobbing stecken. Hier gibt man dem anderen zu verstehen, dass er nicht sehr viel wert ist. Das zeigt sich auch durch vermehrte Kritik und die Betonung von Unzulänglichkeiten. Wo die Liebe fehlt, findet man eben nur Fehler. Interessanterweise leiden hier aber beide Seiten. Das ist zwar immer so, aber am deutlichsten habe ich es hier gesehen. Ich habe Mobber erlebt, die kurz nach dem Mobbing den Kopf geschüttelt haben und sich irritiert fragten, warum sie das überhaupt machen. Das erzeugt ungute Gefühle. Und die sind wieder eine gute Chance aufzuwachen und die gegenseitigen Abhängigkeiten zu erkennen.

  3. Psychische Gewalt durch Ehrlichkeit. Das ist die bislang schmerzhafteste Variante, die ich kennengelernt habe. Aber auch die effektivste. Messerscharfe Ehrlichkeit ist zwar nicht unbedingt lieb gemeint, aber hier überschlägt sich das Ego dermaßen selbst, dass es erst mal eine Weile benommen auf dem Boden liegt und deshalb hinter der Fassade die Liebe durchscheint und den ganzen Nebel auflösen kann. Ich habe irgendwann vor Jahrzehnten mal irgendwo gelesen (aber nie verstanden), dass sich das Ego am Ende selbst zerstört. Ich glaube, dass ist damit gemeint.

 

Jeder Schmerz in uns, kann nur da sein, weil wir irgendwo einen Mangel empfinden. Und in dem Moment wo wir uns mit den 10 oder 20 Schubladen unseres Lebens identifizieren, schließen wir die anderen Zigtausend dabei aus. Und egal was wir ausschließen: die Grundhaltung wird nun Ablehnung sein. Verurteilung. Bewertung. Gewalt. Widerstand. Schmerz. Immer wieder Schmerz.

Und ich schließe mich da auch nicht aus. Ich schreibe hier nur mit.

 

Ich kann im Moment also lediglich klar sehen. Und in dieser Klarheit liebe ich die Welt. Schließe nichts aus. Kann es gar nicht, weil hinter dem Schmerz der Welt, ja jedes mal nur wieder eine Täuschung steckt. Ein Mangel, der gar nicht wirklich existiert. Aber dessen Schmerzen, dich ständig wieder in die Knie zwingen, damit du ja bloß weiter daran glaubst. Oder eben nicht.

Schon komisch, dass in dem größten Schmerz auch gleich das Potenzial liegt, sich daraus erheben zu können. Licht und Schatten, sie liegen nah beieinander. Das stimmt. Wie bei einer liegende Acht gibt es in der Mitte aber eine Verbindung. Ein Punkt. Das Jetzt.

Im Jetzt lege ich den Mantel der Vergangenheit ab.

Und damit auch die Angst irgendetwas je verlieren zu können oder je nicht sein zu können, weil ich nun weiß, dass ich immer alles habe was ich brauche und immer alles bin. Weißt du was? Ich glaube wir SIND Liebe.

Weil das ist alles, was da noch übrig bleibt und was ich noch sehen kann. 

 

 

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